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Psychotherapie und Psychosomatische Grundversorgung

Sie finden hier Informationen zu folgenden Themen:

Interdisziplinärer Qualitätszirkel "Anorektische und bulimische Essstörungen im Jugendalter" an der Ärztekammer Berlin

Anorexia nervosa und Bulimia nervosa sind in der Risikopopulation der weiblichen Jugend­lichen und jungen Frauen mit einer Prävalenz von zusammengenommen 4 - 5 % häufige Erkrankungen. Ein beträchtlicher Teil der Patienten zeigt eine Neigung zur Chronifiizierung, psychiatrische Verlaufskomorbiditäten sind häufig. Langzeitstu­dien bei der Anorexia nervosa zeigen im Erwachsenenalter eine Langzeitmortalität von bis zu 15 %. Es kann als gesichert gelten, dass sowohl anhaltendes schweres Untergewicht bzw. somatische Komplikationen wie auch ausgeprägte psychische Probleme und nicht gewährleistete Psychotherapie die Prognose negativ beeinflussen. Insofern ist die Erkennung und Behebung bestehender Mängel in Diagnostik, Therapieeinleitung und langfristiger Betreuung entscheidend. Besonders bei dieser Patientengruppe scheinen "Schnittstellenprobleme" von besonderer Bedeutung zu sein, z.B. die Schnittstellen stationäre/ambulante Versorgung, Übergang vom Jugendlichen- zum Erwachsenenalter, Einheit von psychotherapeutischer und somatischer Betreuung, Abwägung zwischen Eigenverantwortung und Fremdkontrolle. Hinzu kommt, dass auf Seiten der Behandler das Behandlungsangebot zum Teil als unübersichtlich, auch widersprüchlich erlebt wird. So haben neuere Erkenntnisse über das Zusammenwirken psychosozialer und neurobiologisch-genetischer Faktoren noch nicht überall Eingang in die Therapie gefunden. Es existiert eine erhebliche Varianz in den Behandlungsmaßnahmen zwischen, aber auch innerhalb der Berufsgruppen. Es besteht ein eklatanter Mangel an gruppenthera­peutischen Angeboten.

Die bereits existierenden Leitlinien (z.B. der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (DGKJP) werden noch nicht allgemein angewandt, obwohl neueste Katamnesestudien bei Jugendlichen, die eine Behandlung in Anlehnung an diese Leitlinien erfahren haben, zu eher besseren Langzeitergebnissen kommen.

Als qualitätssichernde Maßnahme führten wir deshalb ab September 2001 für ein Jahr einen interdisziplinären Qualitätszirkel in Kooperation mit der Ärztekammer Berlin durch.

Es gelang erfreulicherweise, eine interdisziplinäre Zusammensetzung des Zirkels zu erreichen, an dem gleichermaßen Kollegen aus dem stationären wie dem ambulanten Bereich beteiligt waren. Insgesamt nahmen 50 Kollegen an den 10 Sitzungen teil, die Teilnehmerzahl bei den einzelnen Sitzungen lag zwischen 13 und 21 Personen. Bei den ärztlichen Teilnehmern handelt es sich um Kinder- und Jugendpsychiater aus verschiedenen Berliner Kliniken, niedergelassene Kinder- und Jugendpsychiater, Pädiater, Internisten, Allgemeinärzte und eine Ernährungsmedizinerin. Mehrere Kollegen aus Kliniken waren delegiert und hatten somit eine Multiplikatorenfunktion. Dazu kamen Psychologen sowie Sozial- und Heilpädagogen aus dem stationären Bereich sowie niedergelassene Psychologen, analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, Gestalttherapeuten sowie Kollegen aus dem Bereich der stationären Jugendhilfe.

Im ersten Teil jeder Zirkelsitzung wurde anhand eines Referats mit anschließender Diskussion ein Thema eingehend behandelt. Beispiele: Ernährungsmedizinische Aspekte, mittel- und langfristiger Verlauf, kognitive Verhaltenstherapie, Körper- und Bewegungstherapie, tiefenpsychologische Psychotherapie, Hormontherapie und Osteoporoseprophylaxe, Stellenwert der Psychopharmakotherapie, stationäre Jugendhilfemaßnahmen. Im zweiten Teil jeder Sitzung wurden dann Problempatienten besprochen bzw. Probleme aus der Gruppentherapiegruppe erörtert.

Parallel zu dem monatlichen Qualitätszirkeltreff fand eine essstörungsspezifische Patienten-Gruppentherapie statt, die von einer Psychologin und einer Ärztin geleitet wurde (zweiwöchentlich). Diese Gruppe beinhaltete ein zusätzliches Angebot, insbesondere für Patienten am Übergang zwischen stationärer und ambulanter Behandlung. Es handelte sich um eine halboffene Gruppe mit einer Teilnehmerzahl zwischen 4 und 6 Patienten pro Termin.

Nach anfänglichen Anlaufschwierigkeiten, was die Kontinuität der Teilnahme anging, entwickelte sich die Gruppentherapiegruppe sehr erfreulich und wurde von den teilnehmenden Patienten als wichtige Ergänzung ihrer sonstigen therapeutischen Maßnahmen angesehen. Mit Hilfe der Gruppe konnten stationäre Behandlungen abgekürzt bzw. stationäre Wiederaufnahmen vermieden werden. Von den Jugendlichen wurde wiederholt das Interesse an der Fortführung der Gruppe geäußert.

Das wesentliche Ergebnis des Qualitätszirkels ist, dass zwischen den Bereichen ambulante und stationäre Versorgung interdisziplinär Behandlungsstandards in der Therapie von anorektischen und bulimischen Essstörungen ausdiskutiert und im Sinne eines Konsenses festgelegt wurden. Als besonders wichtig kann herausgestellt werden die Einheit von psychotherapeutischen und ernährungsmedizinisch/somatischen Maßnahmen. Hierzu gehört auch die Beachtung bestimmter Kriterien für die Indikationsstellung ambulant oder stationär, z.B. sollten Patienten nicht längere Zeit ambulant unterhalb der 3. BMI-Perzentile behandelt werden. Bei Entlassung aus einer stationären Behandlung sollte mit der Familie verbindlich die weitere psychotherapeutische und somatische Betreuung festgelegt worden sein, Pädiater und Hausärzte sowie Psychotherapeuten sollten sich regelmäßig über den Verlauf austauschen. Ein wesentlicher Nebeneffekt des Zirkels bestand in dem interdisziplinären und interinstitutionellen Knüpfen von Kontakten.

Insgesamt hat sich das Projekt sehr erfreulich entwickelt und es konnten intensive Kontakte zu einer Vielzahl von ambulant tätigen Ärztinnen und Ärzten die mit Essgestörten arbeiten aufgebaut werden.

Gestützt durch eine großzügige Unterstützung der "Stiftung RTL - wir helfen Kindern e.V." konnten zudem ein "Modellprojekt zur Verbesserung der Behandlung anorektischer und bulimischer Jugendlicher" an der Klinik etabliert werden, an dem inzwischen eine große Zahl Patientinnen stationär und zunehmend ambulant teilnimmt.

Ansprechpartner: Dr. med. Ernst Pfeiffer, Klinik für Psychiatrie Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Charité - Universitätsmedizin Berlin, Campus Virchow-Klinikum

Siehe auch: Essstörungsnetzwerk Berlin

Siehe auch: Dick&Dünn e. V. Berlin


Externe Qualitätssicherung in psychiatrischen Tageskliniken

Vorgestellt wird ein gut zweijähriges Qualitätssicherungs-Projekt, an dem sich sieben Berliner psychiatrische Tageskliniken beteiligten und das durch die Ärztekammer Berlin unterstützt wurde.

Anders als in somatischen Disziplinen, wo etablierte Qualitätssicherungs-Verfahren nachweislich eine Verbesserung der Versorgungsqualität erreicht haben, steht dieser Nachweis in der Psychiatrie noch aus.

Methode: Das Design entspricht dem einer kontrollierten Erhebung. In das Projekt aufgenommen wurde eine Zufallsauswahl aus allen Tagesklinikpatienten mit den Diagnosen Schizophrenie (F20) oder schizoaffektiver Störung (F25) nach ICD-10, die noch eine etwa 3-monatige Behandlungsdauer erwarten ließen. In die Auswertung ging eine Gesamtstichprobe von n=67 Patienten ein. Zu Beginn und Ende des Untersuchungszeitraums wurden jeweils der klinische Gesamteindruck (CGI) und das globale Funktionsniveau (GAF) eingeschätzt. Weitere, teilweise neu entwickelte Erhebungsinstrumente kamen zum Einsatz.
Ablauf der Qualitätssicherung (nur Experimentalgruppe): Primäres Ziel war es, durch wechselseitige Besuche von externen Fachkollegen in den Behandlungsteams der teilnehmenden Tageskliniken und unter Einbezug der Patienten eine Diskussion über zentrale Fragen der Therapie anzuregen. Die externe Beratung orientierte sich dabei an ausgewählten Aspekten der Prozess- und Ergebnisqualität wie Therapiezielrelevanz und -realismus, Therapiedauer, Berücksichtigung der Therapieziele des Patienten, Dokumentation und multiprofessionelle Zusammenarbeit. Damit wurde in Anlehnung an den BMG-Leitfaden [1996] die Umsetzung wichtiger Qualitätsanforderungen erfasst und die Grundlage für ein internes Qualitätsmanagement geschaffen. Im Anschluss an den Besuch erarbeiteten der Patient und sein Therapeut eine Festlegung der einzelnen Therapieziele unter Verwendung des Goal Attainment Scaling - GAS.

Bewertung: Das Projekt erwies sich als ein praktikables Verfahren zur externen Qualitätssicherung in der tagesstationären Versorgung schizophren erkrankter Patienten. Die Resonanz fiel bei aller Beteiligten ganz überwiegend positiv aus. Insbesondere die in den subjektiven Einschätzungen reflektierte Verbesserung der teaminternen Kommunikation und der attestiert hohe Nutzen der externen kollegialen Beratung für die weitere Behandlung zeigen eine Optimierung der therapeutischen Arbeit (Prozessqualität) an. Kritik betraf überwiegend den organisatorischen und zeitlichen Mehraufwand. Der Grad der Verbesserungen auf den Globalskalen CGI und GAF wie auch eine niedrige Rate an ungeplanten Entlassungen können im Studienvergleich als hoch eingeschätzt werden. Im Vergleich der Teilstrichproben konnten als Effekt der Interventionen signifikante Unterschiede im Schweregrad der Erkrankung und im Globalen Funktionsniveau zugunsten der Experimentalgruppe nachgewiesen werden. Es ist damit der empirische Beweis erbracht, dass Qualitätssicherungsmaßnahmen in der Psychiatrie eine Verbesserung der Gesundheit der Patienten bewirken können.

Siehe hierzu die Dissertation von Dr. Volker Dahling zur Externen Qualitätssicherung in 7 Berliner Tageskliniken am Beispiel individueller Therapieziele, Berlin 2006.

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