(11.05.2010)
Weniger Folgeschäden durch Schlaganfall-Register und Expertenaustausch über die Ärztekammer Berlin
Berliner Schlaganfallpatienten gelangen heute so schnell wie nie zuvor in eine
Spezialeinrichtung zur Schlaganfallbehandlung (Stroke Unit) und werden dort
schneller behandelt als noch vor drei Jahren. Dies zeigen Ergebnisse des
Berliner Schlaganfall-Registers, das seit 2007 die Arbeit der Stroke Units
systematisch auswertet. Von den beschleunigten Abläufen profitieren die
Patienten und ihre Familien erheblich. Denn ob Patienten, die einen Schlaganfall
überlebt haben, mit Sprachstörungen, Lähmungen oder Schluckstörungen zu kämpfen
haben oder nicht, hängt entscheidend davon ab, wie schnell nach Beginn der
ersten Symptome therapeutisch eingegriffen werden kann. Ein zu spät oder
zunächst falsch behandelter Patient kann - sofern er den Schlaganfall überlebt -
über Nacht zum Pflegefall werden.
Die wichtigsten Ergebnisse des Schlaganfall-Registers
Statt nur bei 37,2 % im Jahr 2007 konnte 2009 bereits bei 61 % der Patienten
innerhalb der ersten 60 Minuten nach Eintreffen in der Stroke-Unit ein
bildgebendes Aufnahmeverfahren des Gehirns (CT oder MRT) durchgeführt werden.
Damit können z.B. Hirnblutungen frühzeitig erkannt und Patienten schneller
identifiziert werden, die für eine blutverdünnende und gerinnselauflösende
Therapie (Thrombolyse) geeignet sind. Dabei hat sich der Anteil thrombolysierter
Patienten unter denjenigen, die innerhalb von 3 Stunden in der Stroke Unit
eintreffen, von 22,7% auf 32,7 % erhöht. Als Folge verbesserter
Organisationsabläufe konnte zudem unter den thrombolysierten Patienten der
Anteil derjenigen, die innerhalb einer Stunde nach Eintreffen behandelt werden,
bis 2009 von 47,9% auf 66,3 % erhöht werden. (Ein möglichst niedriges
"Tür-Nadel-Intervall" trägt bei dieser Therapie entscheidend dazu bei
Beeinträchtigungen und Folgeschäden für die Patienten gering zu halten.) Dies
hat den erfreulichen Effekt, dass sich der Anteil der Patienten, die aus der
Stroke Unit direkt in eine Reha-Einrichtung oder sofort wieder nach Hause
entlassen werden konnten, von 72,1 % (2007) auf 81 % (2009) erhöht hat.
Die Sterblichkeitsrate innerhalb der ersten 7 Tage liegt in Berlin zwischen
2007 und 2009 mit 4 % im Bundesdurchschnitt. Ursache für die im Verlauf - trotz
besserer Behandlung - unveränderte Akut-Mortalität ist unter anderem der
zunehmende Anteil älterer und schwer erkrankter Patienten. Doch bei denen, die
den Schlaganfall überlebten, konnte die beschleunigte Diagnosestellung und
Therapie in den Stroke Units sowie der über die Ärztekammer Berlin organisierte
Fachaustausch Komplikationen und Folgeschäden beim akuten Schlaganfall deutlich
verringern.
Zu einer Beschleunigung der Abläufe hat sicherlich auch eine Ende 2008
getroffene Vereinbarung mit der Berliner Feuerwehr beigetragen. Danach werden
Patienten mit einem akuten Schlaganfall vom Rettungswagen bevorzugt in Kliniken
mit einer Stroke Unit gebracht. Auch wurden Regelungen zur telefonischen
Vorankündigung von Schlaganfallpatienten und zu den für eine Übergabe in der
Rettungsstelle notwendigen Informationen vereinbart. Der gewachsene Anteil von
Patienten, die innerhalb von 3 Stunden in eine Stroke Unit gelangen, sowie die
von 6,3% auf 10,3% deutlich gestiegene Thrombolyse-Rate (bezogen auf Patienten
mit Hirninfarkt) sind diesen Vereinbarungen zuzuschreiben.
Das Berliner Schlaganfall-Register
Seit 2003 koordiniert die Ärztekammer Berlin die Qualitätssicherung aller 14
Berliner Stroke Units. Diese haben sich im Jahr 2006 zu einer
Schlaganfallkommission zusammengeschlossen. Im Jahr 2007 trat diese als
"Berliner Schlaganfall-Register" (BSR) der Arbeitsgemeinschaft Deutscher
Schlaganfall-Register (ADSR) bei. Seitdem werden die Daten der Berliner Stroke
Units nach bundesweit festgelegten Vorgaben systematisch erfasst und
ausgewertet. Die Kammer gibt die ausgewerteten Daten an die Einzeleinrichtungen
weiter und organisiert hierzu einen Expertenaustausch. Eine halbjährliche
Ergebnispräsentation bietet den Stroke Units eine Plattform zur Diskussion der
Erfahrungen und Ergebnisse. Das Register erweist sich damit auch als ein
sinnvolles Instrument des kollektiven Lernens.
Im Schlaganfall-Register werden mittlerweile rund 8000 Fälle im Jahr
erfasst, was etwa 85 % aller Schlaganfälle in Berlin entspricht. Das
Durchschnittsalter der betroffenen Patienten beträgt 72 Jahre.
|
Ergebnisse
des Schlaganfall-Registers 2007 bis 2009
|
Parameter
|
2007
% |
2008
% |
2009
% |
|
Intervall Ereignis bis Aufnahme ≤ 3 Stunden |
29,7 |
29,8 |
31,4 |
|
Erste cerebrale Bildgebung ≤ 60 Minuten
nach Eintreffen |
37,2 |
54,0 |
61 |
|
Thrombolyse (bezogen auf alle Patienten
mit Hirninfarkt) |
6,3 |
7,2 |
10,3 |
|
Thrombolyse bei Patient mit Aufnahme ≤ 3 Stunden
nach Symptombeginn |
22,7 |
24,7 |
32,7 |
|
Tür-Nadel-Zeit ≤ 60 Minuten bei
systemischer Thrombolyse |
47,9 |
56,5 |
66,3 |
|
Extrakranielle Hirngefäßdiagnostik |
89,9 |
92,1 |
93,5 |
|
Intrakranielle Gefäßdiagnostik |
71,7 |
79,0 |
87,2 |
|
Anteil bei Aufnahme schwer Betroffener
(Rankin* 3-5) |
53,7 |
54,3 |
56,1 |
|
Anteil bei Entlassung schwer Betroffener
(Rankin 3-5) |
33,3 |
32,8 |
33,5 |
|
Komplikationen (Pneumonie, Hirndruck, ...) |
17,7 |
17,4 |
14,5 |
|
Mortalität (bezogen auf alle Patienten) |
3,9 |
4,9 |
4,2 |
|
Entlassung nach Hause oder in eine Reha-Klinik
(bezogen auf alle Patienten mit Hirninfarkt) |
72,1 |
78,5 |
81 |
* Ranking =
Skala zur Quantifizierung des funktionellen Defizits nach Schlaganfall
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