(22.05.2006)
Ansprache von Dr. Jonitz, 2. Interdisziplinärer Krebskongress, 19.05.2006
Herzlich
willkommen zum 2. Interdisziplinären Krebskongress im Langenbeck-Virchow-Haus.
Ich freue mich, dass sie so zahlreich und aus allen Bereichen des
Gesundheitswesens gekommen sind. Aus Sicht der Ärztekammer ist das Thema "Mammakarzinom"
außerordentlich lehrreich. Lassen Sie mich vier Dimensionen aufzeigen:
Die erste ist die Therapie
Patienten mit Brustkrebs können heute wesentlich individueller und exakter
behandelt werden als früher. Dazu werden sie heute und morgen aus berufenem Mund
mehr hören. Wichtig scheint mir, dass neben der Optimierung der medizinischen
Therapie die Frage der seelischen Betreuung selbstverständlicher Gegenstand der
Behandlung von an Brustkrebs erkrankten Frauen ist. Viele andere Organfächer
können davon lernen.
Die zweite Dimension ist die der so genannten
Leistungserbringung
Aufgrund der Tatsache, dass das Mammakarzinom den Stellenwert einer chronischen
Erkrankung bekommen hat, erfolgt zunehmend eine Zentralisierung und
Spezialisierung der behandelnden Einrichtungen. Diese Entwicklung ist
grundsätzlich positiv. Brustkrebs ist keine Erkrankung, die man "nebenbei"
behandelt und schon gar keine, die ein operativ tätiger Arzt "auch kann", weil
er ohnehin schon vieles kann. Dieser
Prozess der Zentralisierung wird von vielen Stellen begleitet. Neben den
Fachgesellschaften, den Patientenverbänden und den Krankenkassen sind es auch
die Ärztekammern, die die Zertifizierung von Brustkrebszentren vornehmen,
beispielsweise in Nordrhein-Westfalen. Die Qualitätsindikatoren, die die gute
Qualität der Versorgung belegen sollen, sind wie alle Indikatoren im
Gesundheitswesen umstritten und müssen interpretiert werden. Eine Zahl alleine
drückt in der Regel nicht die komplexe Qualität aus, die der Patient und der
Arzt sich wünschen.
So ist die
Frage der Mindestmenge mit Risiken und Nebenwirkungen behaftet. Ein Krankenhaus,
das weniger Fälle operiert kann trotzdem gut sein, ein Krankenhaus mit vielen
Fällen kann durchaus mittelmäßige Qualität in quasi industrieller Form bieten.
Dies betrifft auch die Chemotherapie.
Der Beleg
für eine hochwertige Behandlung und eine humane Betreuung muss erbracht werden.
Ein "Zentrum" weiß auf Knopfdruck, was aus seinen Patientinnen geworden ist.
Notfalls wird das follow-up durch eine versierte Arzthelferin oder
Krankenschwester durchgeführt. Der Beleg für die gute Behandlung muss auch
selbstverständliche Grundlage der Verträge mit den Krankenkassen sein.
Das
Interdisziplinäre sollte in der Behandlung an Brustkrebs erkrankter Frauen
selbstverständlich sein. Gut, wenn gute Psychotherapeuten sich um die
Patientinnen kümmern können. Besser, wenn auch alle anderen patientennahen
Berufe psychologisch geschult und kompetent sind. Noch besser ist es, wenn die
realen Arbeitsbedingungen beides möglich machen, die hochwertige Behandlung und
die humane Betreuung. Auf dem
Gebiet der externen Qualitätssicherung ist die operative Therapie des
Brustkrebses gut vertreten, Fachgruppen auf regionaler und Bundesebene sind
fachkundig und engagiert besetzt. Wenn es gelingt, die aktuellen Aufregungen
durch Krankenhausführer und andere Bedürfnisse nach maximaler Transparenz bei
minimalen Möglichkeiten gering zu halten, bekommen wir auch in der
Brustkrebsbehandlung den Zustand des "kollektiven Lernens" hin: ein Zustand, in
dem systematisch Indikatoren guter Behandlung gesammelt und diskutiert werden
und daraus in konstruktiver Weise Konsequenzen gezogen werden. Wie das
geschieht, kann man z. B. im Krebsregister im Raum Regensburg oder bei den Peri-
und Neonatologen sehen. Die systematische, am Wohl des Patienten und der
Qualität seiner Versorgung orientierten Weiterentwicklung der Strukturen - unter
Umgehung aller zentralistisch-autoritären Vorgaben - ist dort Alltag.
Die dritte Dimension ist die der Diagnostik
Eine Frau mit einem Befund hat Anspruch auf eine unverzügliche und höchstwertige
Diagnostik. Die Zeiten des "Hinterhof-Röntgens" oder der postoperativen
Erkenntnis, dass in drei von vier Fällen operierter Frauen "zum Glück" doch kein
Karzinom vorlag, sollte vorbei sein. Hier erwarte ich mir vom Screeningprogramm
wertvolle Impulse. Wer einmal höchstwertige Mammadiagnostik erlebt hat weiß,
dass es geht und wie gut es für Patientin und Arzt und Fachkrankenschwester sein
kann, spezialisiert zu arbeiten.
Berlin hat
hier eine große Chance, durch seine Brustkrebszentren eine flächendeckende und
höchstwertige Versorgung und Diagnostik zu gewährleisten. Wenn wir als
"Gesundheitsstadt" schon kein "Mekka der Medizin" werden, könnten wir es
vielleicht erstmal auf dem Gebiet des Brustkrebses werden.
Die vierte Dimension - und hier wird es etwas schwieriger -
ist die des Screenings:
Krankheiten suchen, die nicht da sind, bringen immer die Gefahr mit
sich, Befunde zu erheben, die keinen Krankheitswert aufweisen. Der Umgang
mit dem Mammographiescreening birgt Gefahren. Wir wissen, dass das
Mammographiescreening die Sterblichkeit an Brustkrebs um 25% senkt. Schön. Eine
ganz andere Frage: Möchten sie gerne reich sein? 4 Millionen Euro oder mehr
haben? Steuerfrei? Möchten sie ihre Chance darauf um 50% steigern (auch eine
schöne Zahl)? Dann füllen sie bitte am Freitag auf dem Lottoschein sechs
Kästchen aus und nicht nur vier. Sie haben ihre Chance um 50% erhöht.
Liebe
Kolleginnen und Kollegen, mit genau solchen Prozentangaben locken wir gesunde
Frauen in ein Screeningprogramm, das fälschlicherweise auch noch "KrebsVORSORGE?
anstatt "KrebsFRÜHERKENNUNG? heißt. Dieser der
autistisch-undifferenzierte Umgang mit Zahlen gibt falsche Botschaften. Man
sollte inzwischen in der Lage sein, das absolute Risiko vom relativen zu
unterscheiden, auch wenn relative Risikoreduktionen spektakulärer und besser mit
der eigenen Erwartungshaltung in Einklang zu bringen sind.
Wer einmal
eine vielleicht noch junge Frau an einem Brustkrebs hat sterben sehen, wird
alles dazu tun, dass sich so etwas nicht wiederholt. Unsere Ängste, unsere
Ergriffenheit dürfen wir aber nicht undifferenziert auf alle Frauen, junge und
alte, gesunde und kranke, ausschütten. Wir müssen redlich bleiben. Wir müssen
den Frauen, insbesondere denen ohne familiäre Belastung sagen, wie groß -
statistisch - der Nutzen des Screenings für sie individuell ist und welche
Risiken und Nebenwirkungen damit verbunden sind.
Die
einseitige Form der Aufklärung - jüngst durch eine Untersuchung des
Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung belegt - die nur auf "frühes Erkennen
= Heilung" abhebt und Risiken und Nebenwirkungen unterschlägt, ist
unwissenschaftlich und irreführend. Wir müssen gerade beim Screening redlich
bleiben. Wir wenden uns an primär Gesunde. Wir dürfen nicht dramatisieren. Wir
dürfen Frauen nicht stigmatisieren. Wir dürfen nicht Angst und Schrecken
verbreiten. Nicht beim Screening und nicht in der Nachsorge! Nie!
Als Letztes:
Als Ärztinnen und Ärzte sind wir es gewohnt, das Schlimme zu sehen. Gleichwohl.
Die weibliche Brust ist eines der schönsten Organe, das der liebe Gott
erschaffen hat. Sie spendet Leben, sie spendet Lust und Sinnlichkeit. Wir
sollten uns daran erfreuen. Wir sollten nicht aus der weiblichen Brust den Sitz
einer womöglich todbringenden, flächendeckenden Krankheit machen. Die weibliche
Brust ist keine Zeitbombe. Jeder von uns ist dem Tod geweiht, so oder so, früher
oder später. Mit unseren Ängsten müssen wir lernen zu leben. Sie auf unsere
Mitmenschen übertragen dürfen wir nicht. Mit den Mitteln der Propaganda und des
Marketings droht der Verlust an Glaubwürdigkeit und die langsame
Entmenschlichung unseres Lebens. Wenn die Medizin laut und inhuman wird, gehen
uns die Patienten verloren - auch die, die es bräuchten - und die Freude am
ärztlichen Beruf. Arbeiten wir dran.