Herr Präsident,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
als Abschluss der fachlichen TOPs auf diesem Ärztetag möchten wir ich mit
Ihnen über ein Thema diskutieren, das so alt ist wie die Medizin selber. Es
handelt sich um das ärztliche Fehlermanagement und um Patientensicherheit.
Zunächst darf ich einen politischen Einstieg in das Thema präsentieren. Nach mir
wird Prof. Dr. Matthias Schrappe, Internist, Ärztlicher Direktor der
Universitätsklinik Marburg und Vorsitzender des Aktionsbündnisses
Patientensicherheit die fachlichen Hintergründe darstellen.
Das Thema erlebt zurzeit eine ungeahnte Renaissance. Wir alle haben mehr oder
weniger betroffen bereits damit Erfahrungen gesammelt. Ich möchte Ihnen mit
dieser Präsentation nahe legen, dieses Thema offensiv, ernsthaft und sachlich
anzugehen und sich vielleicht mit mir darüber zu freuen, dass wir aktuell neuere
und bessere Möglichkeiten haben, damit umzugehen, als dies in der Vergangenheit
der Fall war.
Lassen Sie mich zu Anfang feststellen, dass dieses Thema originäre Aufgabe
der Ärzteschaft und der Ärztekammern ist. Die Ärztekammern sind Einrichtungen
zum Schutz von Patienten. Zu diesem Zweck haben wir von der Gesellschaft Rechte
und Pflichten verliehen bekommen. Die Kammern unterliegen der Gemeinwohlbindung.
Unsere Arbeit und unsere Existenz hängen davon ab, dass wir zum Wohle der
Patientinnen und Patienten und zum Wohle der Gesellschaft wirksam werden.
Dadurch begründet sich unsere Rechtsform als Körperschaft des öffentlichen
Rechtes.
Dieser Aufgabe werden die Kammern auf unterschiedlichen Wegen gerecht,
beispielsweise stellen die Berufs- und Weiterbildungsordnung, die
Fortbildungszertifizierung, aber auch die segensreiche Arbeit der
Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen einen nahezu selbstverständlichen
Teil dieser Gemeinwohlbindung dar. Sie geben Orientierung, sie geben Form und
definierten Inhalt.
Die Ärztekammern sind darüber hinaus die einzigen übergreifenden,
sachkundigen und unabhängigen Einrichtungen im Gesundheitswesen. Alle anderen
Institutionen sind entweder sachkundig, aber nicht unabhängig oder unabhängig,
aber nicht sachkundig oder weder das eine noch das andere. Dieser Verantwortung
müssen wir gerecht werden, diesen strategischen Vorteil werden wir nützen.
Der Grundsatz des "Primum nil nocere" ist der gesamten Medizin weltweit in
die Wiege gelegt und damit weder neu, noch Aufsehen erregend, noch ungehörig.
Allerdings ist das Thema heikel. Der Schutz des Patienten betrifft den
sensibelsten Bereich des Vertrauensverhältnisses zwischen Arzt und Patient.
Gerade weil der Patient, der sich in subjektiver und objektiver Not befindet,
ein besonderes Schutzbedürfnis hat, muss alles dafür getan werden, dass dieser
Schutz gewährleistet und das Vertrauen in den Arzt und seine Behandlung gewahrt
bleibt. Das Thema weist ein hohes Missbrauchspotenzial auf. Die Dramatisierung
von realen oder behaupteten Fehlern in der Patientenversorgung ist uns bis in
die jüngere Vergangenheit aus Presse, Funk und Fernsehen und auch aus der
Politik bekannt. Sie wird sogar gerne dafür genützt, um in der Diskussion den so
genannten "politischen Gegner" beispielsweise vor Budgetverhandlungen zu
schwächen. Die Stigmatisierung unseres Berufsstandes fällt ebenfalls in diese
Kategorie und die Liste spektakulärer Buchtitel ist genauso lang wie langweilig.
Die allermeisten davon leben von Sensationsdarstellungen und der Schaulust und
tragen wenig zur Aufklärung bei. Gleichwohl zwei Beispiele, "Halbgott in weiß
oder schwarzes Schaf" betrifft einen früheren Ordinarius. Im gleichen Jahr
entdeckte ein Patientenverband fast 25.000 Tote durch Ärztepfusch. Die Zahlen
sind nicht belegt. Es handelt sich um Hochrechnungen aus den USA und vergessen
wird regelmäßig, wie viele dieser Patienten den Arzt vor die Wahl stellten,
entweder nichts zu tun und den Patienten dem sicheren Tod zu überlassen oder für
diesen Patienten ein Risiko einzugehen wie z. B. ein Hospitalinfektion nach
einer schweren Operation. Arzt-sein heißt, Risiken abschätzen, abwägen und
notfalls im Interesse des Patienten einzugehen.
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, ich fühle mich als Vertreter der
Ärzteschaft im ersten Anlauf bei solchen Schlagzeilen immer betroffen und
gleichzeitig ärgere ich mich über pauschale, extreme Darstellungen, die
Wiederholungen von möglichen Missständen nicht erschweren.
Gleichwohl wir leben damit, dass unser Berufsstand einer höheren öffentlichen
Aufmerksamkeit unterliegt. Dies ist Konsequenz der höheren Verantwortung, die
wir unmittelbar für unsere Patienten übernehmen.
Lassen Sie uns die Befunde erheben:
Die Medizin wird leistungsfähiger und komplexer.
Wenn Sie sich allein in Erinnerung rufen, wie dramatisch die
Handlungsmöglichkeiten in der Medizin zugenommen haben, welche therapeutischen
Möglichkeiten wir bei Zivilisationskrankheiten, beispielsweise bei der
Behandlung des Diabetes Mellitus haben, und wenn Sie diese jetzigen
Möglichkeiten allein über den therapeutischen Möglichkeiten von vor 20 oder 30
Jahren vergleichen - eine Zeit, die noch gar nicht so lange zurück liegt und den
meisten von uns in sehr guter Erinnerung ist - wird klar, dass es immer
schwieriger ist, zu definieren, was im Einzelfall eine optimale Behandlung ist.
Die Medizin wird komplexer und die Medizin wird unübersichtlicher. Und damit
steigt das Risiko, nicht immer die richtige Entscheidung treffen zu können.
Unsere Patienten werden älter, anfälliger und anspruchsvoller.
Das Durchschnittsalter unserer Patientinnen und Patienten ist in Klinik und
Praxis deutlich angestiegen. Hochbetagte Patienten jenseits des 80. Lebensjahres
sind keine Seltenheit. Deren Anfälligkeit steigt, sowohl durch das Lebensalter
wie auch durch die Zunahme von chronischen Krankheiten und Multimorbidität.
Selbstverständlich möchten diese Patienten Anteil haben am medizinischen
Fortschritt. Die zahlreichen Versprechung - "die neue Pille gegen den Krebs"
-
möchten in Anspruch genommen werden, auch wenn Risiken und Nebenwirkungen bei
fragilen Menschen eher zunehmen. Auch die jungen Patienten werden
anspruchsvoller und erwarten von der Medizin, dass Ihnen deren Segnungen
vollständig zu Teil werden. Gesund bleiben wollen alle. Die Medizin wird gerne
dafür in Anspruch genommen.
Diesen gestiegenen Möglichkeiten und gestiegenen Ansprüchen steht gegenüber,
dass die Rahmenbedingungen für gute Medizin kontinuierlich schlechter werden.
Finanzielle Zwänge, Zeitnot und Bürokratie machen es dem Arzt immer schwerer,
gute Medizin zu betreiben und sich ausreichend um seine Patienten zu kümmern.
Immer weniger Ärztinnen und Ärzte behandeln immer mehr und anfälligere Patienten
mit größerem Aufwand in kürzerer Zeit. Das Risiko innerhalb der Behandlung
steigt und gefährdet die Patientenversorgung. Diese Entwicklung fällt nicht
einfach vom Himmel. Sie ist zum einen Folge der politischen Maßnahmen einer
jahrzehntelangen Kostendämpfungspolitik und in dem einen oder anderen Fall auch
konkret kalkuliert. Im März 1996 stellte ein Artikel in der Zeitschrift F&W
-
das ist die Zeitschrift der privaten Krankenhausträger - folgendes fest: "Mit
ca. 65 -70% stellt der Personalbereich den Hauptblock der Kosten dar. Für die
Krankenhausleitung bleibt die qualitative Besetzung, z.B. AiP- anstelle
Assistenzarztstellen, die Anzahl der Stellen und Teile der variablen
Personalkosten (Bereitschaftsdienste), beeinflussbar." Die Einhaltung des extern
vereinbarten Personalbudgets vermindert um eine kalkulierte Sicherheitsrate ist
der Hauptansatzpunkt jedes Kostenmanagements".
Herr Präsident,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
hier wird ziemlich eiskalt kalkuliert, dass Patienten zu Schaden kommen
dadurch, dass die Leistungsfähigkeit durch qualitative Einsparungen im
Personalbereich eingeschränkt wird. Aus einem Systemfehler wird im Zweifelsfall
das individuelle Verschulden des einzelnen Arztes. Er haftet persönlich für das
Versagen an höherer Stelle. Dies ist ungerecht und falsch.
In diesem Zusammenhang sind auch die Proteste unserer Kolleginnen und
Kollegen zu verstehen, die für bessere Arbeitsbedingungen auf die Straße gehen.
Es gilt auch für die, die von vornherein ihr Heil im Ausland oder in
patientenfernen Berufen suchen. Wenn die Zwickmühle, in die jeder einzelne
klinisch tätige Arzt gestellt wird, so groß wird, dass er seine ärztliche
Verantwortung gegenüber dem Patienten nicht mehr gerecht wird, sind Proteste und
Ausstieg die Konsequenz.
Erfreulicherweise sind wir mit diesem Problem nicht ganz alleine. Der
Zusammenhang zwischen einer übermäßigen Arbeitsbelastung und der Produktion von
Fehlern bei der Patientenversorgung wurde in zwei lesenswerten Arbeiten im New
England Journal of Medicine im Oktober letzten Jahres dargestellt. In den beiden
Arztgruppen, zum einen auf der Intensivstation, zum anderen im normalen
Hausdienst konnte die belegbare Zahl von Fehlern zum Teil um die Hälfte, zum
Teil um das Drei- bis Fünffache reduziert werden. Ich bin gespannt, wann sich
diese Erkenntnis auch in Deutschen Arbeitgebergremien und auch auf der
politischen Ebene herumspricht.
Anrede:
Nun wird die Patientensicherheit als Thema gerne dann entdeckt, wenn diese
tatsächlich bedroht ist. Dies scheint auch jetzt der Fall zu sein. Der Grund für
die ärztliche Selbstverwaltung sich dieses Themas jetzt anzunehmen, liegt aber
vor allem darin, dass wir neben größeren Problemen auch neue und wichtige
Handlungsmöglichkeiten haben. Wir haben also nicht nur die Schwierigkeiten. Wir
haben auch die Erkenntnisse und die Instrumente, um damit besser fertig zu
werden als in der Vergangenheit. Deshalb spricht der Antrag des Vorstandes VII -
01 von "Herausforderungen" und "Möglichkeiten".
Das Wissen um den Umgang mit Fehlern nimmt zu. Wir haben gelernt. Die
Luftfahrt und die Arbeits- und Organisationspsychologie zeigen, dass überall
dort, wo Menschen arbeiten, Organisations- und vor allem Kommunikationsmängel
die Hauptursache für unerwünschte Ereignisse oder Fehler sind. Es ist eben nicht
der verhängnisvolle Fehler eines Einzelnen.
Wie es um die Organisation und um die Kommunikation beispielsweise in
Deutschen Krankenhäusern zugeht, darüber können wir uns in den meisten Fällen
selbst ein Bild machen. Die wenigen Studien, die es zu diesem Thema gibt, werfen
kein gutes Licht auf den Umgang untereinander, schon gar nicht im ärztlichen
Dienst. Die auch von zahlreichen Deutschen Ärztetagen wiederholte Klage am
strikt hierarchischen System an deutschen Krankenhäusern findet auch hier seine
Berechtigung. Wenn die Bundespolitik wissen möchte, warum es dort Probleme gibt,
könnten auch die früheren Beschlüsse der Deutschen Ärztetage nachgelesen werden.
Es stehen neue Verfahren zur Fehlervermeidung und zum Lernen aus Fehlern zur
Verfügung. Darauf geht nach mir Prof. Schrappe gleich noch ein.
Neben neuem Wissen und neuen Verfahren ist vor allem die politische Einsicht
zu konkreten Handlungen vorhanden. Denn auch für die Politik und andere Bereiche
gilt das, was Prof. Dr. Eichhorn, der damalige Leiter des Deutschen
Krankenhausinstitutes 1992 festgestellt hat:
"Autoritäres Handeln, verbunden mit negativen Anreizen wird immer dazu
verleiten, aufgetretene Probleme nicht auszuweisen".
Das ist eine schlichte Erkenntnis, aber sie ist richtig. Zentrale
Institutionen mit einem gesetzlich reglementierenden Auftrag sind nicht
hilfreich. Wir brauchen keine "Bundesoberfehlerbehörde".
Die Zeit ist reif, sich über dieses Thema systematisch und sachlich,
transparent und fair auszutauschen und aktiv zu werden. Auf mehreren
Veranstaltungen und auf Workshops, in Sitzungen im Bundesministerium, in der
Ärztekammer Nordrhein und in Berlin hat sich der Wunsch heraus kristallisiert,
dieses Thema gemeinsam und konkret zu bearbeiten. Gleichzeitig wurde die Idee
einer zentralen Institution verworfen.
Auf der gemeinsamen Sitzung der Vorstände der Kassenärztlichen
Bundesvereinigung, damals noch in der alten Besetzung, und der Bundesärztekammer
am 29. Oktober 2004 wurde deswegen beschlossen, dass zur kontinuierlichen
Förderung der Patientensicherheit und zur Weiterentwicklung einer Fehlerkultur
die Vorstände beider Einrichtungen die Etablierung von beinahe
Fehlerberichtsystemen und die Bildung eines Netzwerks für
Fehlervermeidungsstrategien und Risikomanagement zwecks Bündelung der bereits
auf Ebene der ärztlichen Selbstverwaltung und der Medizinischen
Fachgesellschaften entwickelten Initiativen befürworten.
Wie sieht das konkret aus? Nehmen Sie die ärztliche Selbstverwaltung als
Ausgangspunkt. Wir bilden keine Wagenburg. Wir stehen zu dem was wir tun, auch
wenn es unerfreulich ist. Wir arbeiten selbstverständlich mit allen
Institutionen zusammen, die mit diesem Thema zu tun haben. Gemeinsamkeit macht
stark und schafft wichtige Verbündete.
Die Abstimmung mit diesen Einrichtungen erfolgt durch eine Organisation auf
gleicher Augenhöhe, als so genannte Netzwerkorganisation, zwischen
Selbstverwaltung, wissenschaftlichen Fachgruppen und Berufsverbänden, dem
Pflegerat, den Krankenkassen, der Krankenhausgesellschaft,
Patientenorganisationen und anderer Institutionen.
Offenheit und Transparenz schafft Vertrauen. Vertrauen brauchen wir,
Vertrauen brauchen unsere Patienten. Wir müssen den Kulturwandel fördern,
nämlich die Abkehr der Suche nach Schuldigen und die Hinwendung zur Suche nach
Ursachen. Nicht "WER war schuld" sondern "WAS war schuld" ist künftig die
Leitfrage bei Fehlern oder unerwünschten Ereignissen. Sie hilft Ursachen zu
erkennen und abzustellen. Dies entspricht auch unserer ärztlichen
Professionalität und unserem Selbstverständnis als freier Beruf.
Durch die Definition von Praxisstandards, beispielsweise durch Leitlinien,
durch Qualitätsmanagementverfahren und Verfahren des Risikomanagements und der
Definition von Qualitätsindikatoren werden Fixpunkte geschaffen, die helfen,
gesteckte Ziele konkret zu erreichen.
Wir müssen das neue Wissen und die besseren Fertigkeiten im Umgang mit
schwierigen Situationen unter die Leute, d.h. unter unsere Kolleginnen und
Kollegen, bringen. Deswegen müssen gezielt Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen
geschaffen, unterstützt und verbreitet werden.
Noch einmal konkret zu den Verfahren und Instrumenten. Das sind Dinge, die z.
T. bereits konkret vorhanden sind und jederzeit angewandt und umgesetzt werden
können.
Zu allererst sei auf die Arbeit der Arzneimittelkommission der Deutschen
Ärzteschaft hingewiesen. Das UAW-Kürzel ist uns allen bekannt. Risiken und
Nebenwirkungen in der Arzneimitteltherapie werden über die AkdAe gesammelt und
sachgerecht weitergeleitet und bearbeitet. Eine Fortbildung in Sachen Fehler-
und Risikomanagement wurde von den Landesärztekammern Bayern und Berlin bereits
mit Erfolg durchgeführt. Die Übernahme in das eigene Fortbildungsangebot sei
hiermit herzlich empfohlen.
Risikomanagementmodule in der Zertifizierung von Kliniken und Praxen,
beispielsweise in der KTQ oder auch im ambulanten Zertifikat der KBV, sind in
Vorbereitung.
Das Curriculum Qualitätsmanagement, das bereits weit über tausend Kolleginnen
und Kollegen durchlaufen haben und das zum Standardrepertoire aller
Landesärztekammern gehört, wird durch ein entsprechendes Modul ergänzt. Auf dem
Markt und als einzige seriöse deutschsprachige Produktion wurde in einer
Kooperation zwischen Österreich, Schweiz und Deutschland ein Buch und ein
Glossar zum Thema Patientensicherheit vor wenigen Monaten veröffentlicht.
Weitere Informationen erhalten Sie gerne über unsere Kolleginnen und Kollegen
vom Ärztlichen Zentrum für Qualität. Diese haben in bekannter Schnelligkeit
unter www.forum-patientensicherheit.de eine lesenswerte Homepage ins Internet
gestellt. Vielleicht schauen Sie mal rein. Von sehr zentraler Bedeutung ist die
beschlossene Aufarbeitung von Fällen der Gutachterkommission und
Schlichtungsstellen. Diese haben in der Vergangenheit eine außerordentlich gute
Arbeit dadurch geleistet, dass Beschwerden von Patientinnen und Patienten
objektiv und profund abgearbeitet wurden mit dem Ziel der Klärung der Frage, ob
ein Behandlungsfehler vorliegt und ob gegebenenfalls finanzielle Kompensation zu
leisten ist. Neben dieser Abarbeitung von Fällen im Einzelfall gehört künftig
die Aufarbeitung von Fällen mit der Frage nach gemeinsamen Ursachen oder
bestimmten Risikozonen, in denen die Sicherheit von Patienten gefährdet ist, zum
künftigen Alltag dieser Einrichtungen. Ich verspreche mir sehr viel davon, aus
dem künftigen Zahlenmaterial, aber auch aus den Erfahrungen der Gutachter lernen
zu können.
Auf die Fehlerlernsysteme habe ich bereits kurz hingewiesen. Prof. Ferdinand
Gerlach, dem Ordinarius für Allgemeinmedizin an der Universität in Frankfurt sei
für seine Homepage www.jeder-fehler-zaehlt.de vorwiegend für Hausärzte und Herrn
Prof. Dr. Scheidegger, Department für Anästhesie im Universitätsspital Basel für
sein anonymes Fehlerberichtssystem
https://www.cirsmedical.ch/cug/ herzlich gedankt. Die KBV
hat sich dort unter https://www.cirsmedical.ch/Deutschland/cirs/cirs.php für alle niedergelassenen Ärztinnen
und Ärzte beteiligt. Die Nachfrage ist sehr gut. Für viele Kolleginnen und
Kollegen scheint geradezu ein Damm gebrochen zu sein. Endlich kann man seine
wichtigen Erfahrungen ohne Risiko und Schaden für die eigene Person sinnbringend
loswerden.
Um die Kommunikation und die Organisation im ärztlichen Dienst zu verbessern,
bereitet die Bundesärztekammer derzeit ein Curriculum Ärztliche Führung vor.
Möge es die Grundlage für einen besseren Umgang im ärztlichen Dienst sein.
Nicht verschweigen darf man die Hemmnisse im Umgang mit diesem Thema. Lassen
Sie mich vier Punkte konkret und kurz ansprechen. Das erste Hemmnis kommt aus
der Psychologie. Es ist das Prinzip der selektiven Wahrnehmung. Sowohl der Arzt
wie auch der Patient haben einen Null-Fehler-Anspruch. Kein Patient geht zum
Arzt in der Annahme, dass bei ihm etwas schief geht, kein Arzt beginnt eine
Therapie in der Absicht oder in der grundlegenden Annahme, dass er jetzt einen
Fehler produziert. Wir arbeiten nach bestem Wissen und Gewissen, auch wenn
sowohl Arzt wie auch Patient sich heimlich eingestehen, dass nicht immer alles
hundertprozentig funktionieren kann. Ein Null-Fehler-Anspruch, durch welche
Umstände auch immer verstärkt, führt jedoch dazu, dass man auf einem Auge blind
zu werden droht und unerwünschte Ereignisse, nach dem Muster des was nicht sein
kann, was nicht sein darf einfach ausblendet. Die Psychologie der
Arzt-Patienten-Beziehung ist nicht immer hilfreich. Unangenehmes wird genauso
ausgeblendet wie man einen verletzten Arm ebenfalls instinktiv ruhig stellt.
Probleme müssen aber vollständig aufgearbeitet werden, auch wenn es unangenehm
ist.
Das zweite Hemmnis ist das Haftungsrisiko. Nicht selten verbieten
Haftpflichtversicherungen jede Form der Stellungnahme bei fehlerhaften Abläufen.
Der Arzt, der sich selbst einer Schuld an einem Fehler bezichtigt, verliert den
Haftungsschutz und damit eine wichtige Grundlage zu einer beruflichen Existenz.
Bis allerdings Vertreter der jeweiligen Versicherungen ein klärendes Gespräch
mit Patient oder Angehörigen geführt haben, ist in der Regel so viel Boden
verbrannt, dass eine friedliche Beilegung des Konfliktes nicht mehr möglich ist.
Das dritte Hemmnis ist das altbekannte Sündenbock-Prinzip, wenn etwas schief
geht, sucht man in der Regel den einen Schuldigen, der spektakulär und
öffentlichkeitswirksam vorgeführt und abgeurteilt wird. Die tatsächliche
Ursachen für den Fehler bleiben nach dieser mehr oder weniger rituellen Handlung
unreflektiert. Im englischen Sprachgebrauch taucht der Arzt in diesem
Zusammenhang als das zweite Opfer auf. Wem bereits ein Fehler in seiner
beruflichen Tätigkeit passiert ist, kennt dies. Ein schwerwiegender Kunstfehler
ist ein Super GAU - auch für den Arzt.
Das vierte und letzte Hemmnis ist der politische Missbrauch. Ein kritischer
Journalist stellte mir vor einer Woche die Frage, warum nicht schon längst in
deutschen Krankenhäusern Fehlerlernsysteme eingeführt worden seien. Die Antwort
darauf ist relativ einfach. Ein Krankenhaus, das sich einem verschärften
Wettbewerb und der drohenden Schließung gegenüber sieht, läuft Gefahr, dass jede
öffentlichkeitswirksame Einführung eines Fehlerlernsystems so interpretiert
wird, dass in diesem Krankenhaus möglicherweise besonders viele Fehler
vorliegen. Eine solche - falsche - Annahme hätte unabsehbare Konsequenzen. Also
war Leisetreterei angesagt. Auch hier hätten wir den Beweis: Misstrauen in der
Politik verhindert wichtige Weiterentwicklungen unseres Gesundheitswesen.
Welche Ziele können wir mit diesem Thema verbinden und, sehr geehrter
Präsident, meine sehr verehrten Damen und Herren, bitte sehen Sie mir nach, dass
einige dieser Ziele durchaus noch auf der Wunschliste zu finden sind und nicht
im ersten Anlauf erreicht werden können.
Eine höhere Patientensicherheit und weniger vermeidbare Fehler führen zu
einer besseren Medizin. Dies ist nachvollziehbar. Sie führt ebenfalls zu einem
höheren Ansehen und zu einem größeren Vertrauen in die Ärzteschaft. Die meisten
Patienten möchten nicht vor Beginn einer Behandlung stunden- oder tagelang
recherchieren und auswählen, geschweige denn dem Arzt konkrete Empfehlungen
abgeben, was er zu tun hat. Die Patienten möchten sich vorbehaltlos und
vertrauensvoll in ärztliche Behandlung begeben können. Dies gelingt bei einer
möglichst hohen Patientensicherheit leicht.
Geringere Kosten entstehen durch geringeren Aufwand in der
Schadensbeseitigung. Dies betrifft nicht nur Reoperationen oder die Anwendung
von Antibiotika bei Infektionen, sondern auch den großen Bereich der
Berufsunfähigkeit und der Rehabilitation.
Weniger Leid klingt schon fast lakonisch. Wer es einmal miterlebt hat, wie
viel Leid produziert wird, wenn Schäden oder unerwünschte Ereignisse in der
Behandlung auftreten und zwar Leid bei Patient und Arzt, der weiß, dass diese
emotionale Seite nicht zu unterschätzen ist.
Im Idealfall entsteht eine Win-Win-Win-Situation, es profitieren alle: Der
Arzt durch einen bessere Medizin, der Patient durch eine sicherere Medizin und
die Versichertengemeinschaft durch niedrigere Kosten. Das alles durch gemeinsame
Aktionen und das Verfolgen eines gemeinsamen Zieles.
Jetzt kommt die Wunschliste: Ich erhoffe mir durch die systematische
Aufarbeitung von Risiken und Fehlern in der Patientenversorgung mehr Wahrheit
und eine bessere Zusammenarbeit. Ich mag die Reibungsverluste nicht, die durch
gegenseitige Beschimpfungen und Misstrauen entstehen. Sie machen uns nur das
Leben schwer. Ich halte ich es nicht für richtig, mit Mutmaßungen zu arbeiten,
um konkrete Entscheidungen zu treffen. Wir brauchen Fakten, wir brauchen
konkrete Erkenntnisse und müssen die Konsequenzen daraus ziehen.
Ich erhoffe mir eine größere Einsicht wie unsere Patientenversorgung besser
organisiert werden kann. Das Motto der humanen Arbeitsbedingungen für eine
humane Patientenversorgung sollte auch Politik und Öffentlichkeit überzeugen. Wo
Arbeitsbedingungen inhuman sind, sind Fehler an der Tagesordnung.
Ich erhoffe mir ein Ende des Schwarze-Peter-Spiels. Es darf nicht mehr
angehen, dass an irgendwelchen grünen Tischen Entscheidungen getroffen werden,
für die anschließend der Arzt die persönliche Verantwortung zu übernehmen hat.
Dieses Spiel ist perfide, dieses Spiel muss aufhören.
Das gleiche gilt selbstverständlich auf der politischen Ebene. Wenn im großen
Stil die Grundlagen für eine gute Patientenversorgung entzogen werden, muss man
dies benennen können. Ein besseres Miteinander und eine bessere objektive
Grundlage unserer Arbeit erhöht die Freude am Arztsein. Das zunehmende Dilemma
des Arztes zwischen Anspruch und Wirklichkeit der Patientenbetreuung und einem
immer weniger befriedigenden Kompromiss zu finden würde geringer. Und last but
not least als Kammervertreter erhoffe ich mir dabei ein höheres Ansehen der
Kammern als Moderatoren und Protagonisten dieses Themas. Wir sind
Dienstleistungseinrichtungen gegenüber Ärzten und Patienten mit hoheitlichen
Aufgaben. Dem werden wir gerecht.
Der Deutsche Ärztetag möge deshalb feststellen:
- Maßnahmen zur Erhöhung von Patientensicherheit basieren auf Vertrauen.
Beinahe-Fehler-Berichtsysteme sind keine Sanktionsinstrumente, sondern
dienen der Fehlerprävention. Dass über vermeidbare Zwischenfälle berichtet
wird, setzt neben der Freiwilligkeit der Teilnahme an einem Berichtssystem
voraus, dass lückenlos anonymisiert und frei von Schuldzuweisungen
gearbeitet werden kann;
- Im Zentrum der Entwicklungsarbeit für neue Fehlervermeidungsstrategien
steht die Suche nach organisations- oder kommunikationsbedingten
Verbesserungspotentialen und Schnittstellenproblematiken in der Behandlungs-
bzw. Versorgungskette; die individuelle Verantwortung bleibt unberührt.
- Plakative Schuldzuweisungen und Skandalisierungen des Themas führen
nicht zur Aufklärung, sondern zur Verunsicherung der Patientinnen und
Patienten und schaden der Patientensicherheit.
- Die Förderung einer sicheren Patientenversorgung führt zu einer "win-win-win-Situation"
durch eine sicherere Versorgung, solidere Arbeitsbedingungen von Ärztinnen
und Ärzten und weniger Kosten.
Der Deutsche Ärztetag begrüßt:
- die Entwicklung und Implementierung von
Fehlervermeidungsstrategien in der medizinischen Versorgung;
- die Unterstützung von Forschungsvorhaben zur
Weiterentwicklung von Methoden und Instrumenten zur kontinuierlichen
Erhöhung der Patientensicherheit;
- die Flankierung der Initiativen zur
Patientensicherheit durch Versorgungsforschung;
- die Zusammenführung und Koordination bestehender
Aktivitäten zur Intensivierung des interdisziplinären Erfahrungsaustauschs
und Wissenstransfers in einer Netzwerkorganisation;
Das Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V. wurde in einer konzertierten
Aktion gemeinsam mit Vertretern der Patientinnen und Patienten am 11. April 2005
in den Räumen der Ärztekammer Nordrhein in Düsseldorf gegründet und steht allen
Ärztinnen und Ärzten und anderen Partnern des Gesundheitswesens offen (www.aktionsbuendnis-patientensicherheit.de).
Ich möchte mich an dieser Stelle sehr herzlich bei all denjenigen bedanken,
die bereits in so genannter grauer Vorzeit, nämlich bereits in den 60er, 70er
und 80er Jahren sich mit diesem Thema befasst haben und sich in der Gegenwart in
welcher Position auch immer dieser Aufgabe verschrieben haben. Ich freue mich
über das Engagement auf allen Ebenen im konkreten Alltag in Klinik und Praxis
wie auf der Ebene der hohen Politik, die Sicherheit der Patientenversorgung zu
verbessern und Risiken systematisch zu vermeiden. Das ist nicht einfach, aber
das sind wir ja gewöhnt.
Mit einem Ausblick über unsere zukünftige Vergangenheit bedanke ich mich für
Ihre Aufmerksamkeit, bitte Sie um Ihre Zustimmung zum Antrag des Vorstandes der
Bundesärztekammer und freue mich auf den Vortrag von Prof. Matthias Schrappe.
Herzlichen Dank.