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Fehler in der Medizin, Sicherheitskultur in Krankenhäusern

(27.03.2003)  Statement von Dr. Günther Jonitz, Berliner Gesundheitspreis, 27.03.2003

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

wer sich in ärztliche Behandlung begibt, erwartet zwei Dinge: Erstens, dass etwas getan und ihm oder ihr geholfen wird, und, zweitens, dass alles gut geht. Der "Null-Fehler-Anspruch" ist im Gesundheitswesen immanent und überall.

Gleichwohl kann es in einem komplexen System aus Psyche, Biologie, Soziologischem und Organisatorischem keine absolute Fehlerfreiheit geben. Wo Menschen mit und für andere Menschen tätig werden, ist Fehlerfreiheit unmöglich.

Zudem muss man wissen, dass Komplikationen oft Fälle sind, in denen es nur die Alternative gab, entweder nichts zu tun, oder für den Patienten ein Risiko, beispielsweise das einer Operation, einzugehen. Um die Größenordnung einschätzen zu können, sollte man sich wenige Zahlen vor Augen halten: ca. 200.000 klinisch tätige Ärztinnen und Ärzte sehen pauschal zehn Patienten pro Arbeitstag. Bei fünf Arbeitstagen pro Woche und angenommenen 45 Arbeitswochen pro Jahr ergibt das 450 Millionen Arzt-Patienten-Kontakte. Selbst bei 100.000 Kunstfehlern wäre die statistische Rate gering. Doch jeder vermeidbare Fehler ist ein Fehler zu viel.

Schnell kommen wir in eine Grauzone in der Medizin. Was ist ein Fehler, was eine Komplikation? Wenn aus einem Herzanfall ein Herzinfarkt, aus einem hohen Blutdruck ein Schlaganfall oder aus einem Unterschenkelbruch eine akute Durchblutungsstörung mit nachfolgender Amputation des Beines wird, kann es sich sowohl um die Folge eines vermeidbaren Fehlers als auch um den schicksalhaften Verlauf einer unbeeinflussbaren Krankheit handeln.

Dass die Ärztekammer und die AOK sich mit dem diesjährigen Gesundheitspreis diesem Thema verschrieben haben, ist ein Zeichen von Eigenständigkeit und Professionalität. Nur wer zu seiner Verantwortung für die Patientenversorgung steht und die sachliche Auseinandersetzung nicht scheut, kann "heiße Eisen" anfassen. Dies haben wir getan und sind gespannt auf die Reaktionen.

Was erwarten wir:

Vertrauen. Nur in einer vertrauensvollen Atmosphäre kann über Fehler, Komplikationen und Beinahe-Fehler gesprochen und Ursachen abgestellt werden.

Sachlichkeit. Wer medizinische Themen politisiert, sie missbraucht, um persönlichen Profit, auch politischen Profit, zu machen, vergeht sich an der Sicherheit der Patientenversorgung.

Kommunikation. Achtzig Prozent der Fehler in der Luftfahrt haben eine mangelhafte Abstimmung der Piloten zur Ursache. Die Konsequenz heißt Förderung der Kommunikation und bessere Führung, beginnend bei den Hochschulen, nicht endend im Umgang der politischen Akteure in ihrer Verantwortung für das Gesundheitswesen.

Systematisierung. Fehler in der Medizin – und in der Pflege – müssen systematisch aufgearbeitet werden. Nicht "Wer ist schuld", sondern "Was war schuld" ist wichtig, um zu wissen, wie Fehler verhütet werden können. Eine einheitliche Erfassung bei allen entsprechenden Einrichtungen, Kammern, Kassen, Rechtspflege, Patientenverbänden etc. und der regelmäßige Austausch darüber sind notwendig. Die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern haben damit begonnen.

Freuen Sie sich über die Preise und mit den Preisträgern. Haben Sie Respekt vor der Thematik. Sie verlangt Augenmaß, Ernsthaftigkeit und Demut. Augenmaß, um Dramatisierung und Missbrauch des Themas zu vermeiden; Ernsthaftigkeit, um tatsächlich die Patientenversorgung zu optimieren – auch da, wo es unangenehm ist; und Demut, weil es eine absolute Sicherheit nie geben wird und geben kann.

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