(06.02.2003)
Statement von Dr. Günther Jonitz aus: "marburger bund, ärztliche Nachrichten" - Ausgabe vom 24.01.2003
Unser Gesundheitswesen ist arbeitsteilig aufgebaut: der Gesetzgeber macht die
Gesetze und bestimmt die juristischen, administrativen und ökonomischen
Spielregeln, die Krankenkassen nehmen das Geld von den Bürgern und geben es den
Ärzten und anderen Leistungserbringern, die es zum Wohle kranker Menschen
ausgeben. Dieses Gesundheitswesen ist historisch gewachsen und hat sich über
Jahrzehnte bewährt. Leider hat es einen Fehler. Dieses arbeitsteilige Prinzip
funktioniert nur, wenn ständig mehr Geld in das Gesundheitswesen fließt. Gute
Medizin macht nämlich immer seltener Kranke gesund, sondern erhält kranke
Menschen länger am Leben. Die "Fortschrittsfalle der Medizin" sieht
beispielsweise so aus: Während früher die Lebenserwartung eines Patienten mit
Zuckerkrankheit wenige Jahre betrug, bis er an den Komplikationen starb, gibt es
inzwischen ein ganzes Arsenal an Möglichkeiten, diese zu verhindern. Aber
Blutwäsche und Laserbehandlung der Augen kostet Geld. Was für Diabetiker gilt,
gilt ebenso für zahlreiche andere chronische Krankheiten inklusive AIDS,
Rheumatismus oder Herzkrankheiten.
Jetzt ist offensichtlich das Geld alle. Das arbeitsteilige "Fließband
Gesundheitswesen" stockt. Ein bekanntes Phänomen setzt ein, die Suche nach
den Schuldigen. Die Beteiligten weisen mit ausgestrecktem Finger aufeinander und
schieben die Verantwortung hin und her. Jeder war mal dran: die Ärzte, die
Kassen, die Krankenhäuser, die Pharmaindustrie und sogar die Patienten selbst,
da sie ja die Leistungen und Segnungen unseres Gesundheitswesen in Anspruch
nehmen. Mit symptomatischen Eingriffen hat die Regierung versucht
gegenzusteuern. Hat es geholfen? Nein.
Die Folgen dieser schlechten Politik sind deutlich erkennbar. Noch nie war
die Zwei-Klassen-Medizin so weit fortgeschritten wie heute. Patienten werden
Leistungen verweigert, mal offen, mal subtil. Die Bezahlung von
Krankenhausbehandlungen wird erst vor dem Bundessozialgericht geklärt, Tausende
von Prozessen blockieren die Rechtssprechung. Die Bürger sind verunsichert,
Ärzte, Pflegekräfte und andere Leistungsträger im Gesundheitswesen einer
dauerhaften Kampagne ausgesetzt. Die Folgen sind die gleichen wie in der Endzeit
der DDR, es wird mit den Füßen abgestimmt. Wer kann, entzieht sich dem System.
Die solidarische Krankenversicherung wird ausgehöhlt, die Leistungsträger,
Ärzte und Schwestern bleiben weg.
Mit Bürokratie versucht die Bundesregierung diesem Problem Herr zu werden.
Krankenhausärzte verbringen mittlerweile pro Tag bis zu zwei Stunden mit dem
Ausfüllen von Anfragen und Formularen. Zeit, die bei der Betreuung der
Patienten fehlt. Was aus den Formularen wird, ist unklar. Der Nutzen für die
Patientenversorgung ist nicht erkennbar.
Was fehlt ist ein neues "A und O", "Aufklärung" und
"Optimierung". Aufklärung über die wahren Zusammenhänge und
Inhalte, Optimierung der Funktion des Gesundheitswesens:
Die Finanzkrise der Krankenkassen ist ein Einnahmeproblem. Hätten wir die
gleiche Beschäftigtenrate wie in den achtziger Jahren, wären die
durchschnittlichen Beitragssätze der Krankenkasse bei ca. 11%. Gemessen am
Gesamtreichtum unseres Landes geben wir seit zwanzig Jahren die gleiche Menge
Geld für die gesetzliche Krankenversicherung aus. Nur wird der Reichtum immer
weniger durch Löhne und Gehälter als durch Kapitalertrag erwirtschaftet.
Kapitalerträge zahlen keine Kassenbeiträge. Durch den Verschiebebahnhof von
Kassenbeiträgen zugunsten steuerfinanzierter Sozialkassen (Renten-,
Arbeitslosenversicherung) sind in den letzten zehn Jahren 50 Milliarden DM den
Krankenkassen verlorengegangen. "Kostentreiber im Gesundheitswesen Nr. 1
ist der Staat" (Zitat Seehofer).
Arbeitslosigkeit schadet der Gesundheit, im Osten stärker als im Westen. Wer
also die Volksgesundheit stärken, die Beitragssätze senken und mehr Geld ins
System bringen möchte, muss drei Dinge tun: Arbeitsplätze schaffen,
Arbeitsplätze schaffen, Arbeitsplätze schaffen.
Unabhängig davon muss die Medizin optimiert werden. Medizin ist erfolgreich,
aber auch sehr komplex geworden. Therapien und medizinische Verfahren müssen
besser als früher auf den tatsächlichen Nutzen für den Patienten hinterfragt
werden. Arzt und Patient müssen wissen, ob das neue Medikament nur einen
Laborwert senkt, oder tatsächlich ein längeres und besseres Leben bringt.
Nicht jedes wirksame Medikament oder Verfahren ist tatsächlich für den
Patienten von Nutzen. Medizin ist nicht die Kunst des Machbaren, sondern des
Sinnvollen. Auch hier ist Aufklärung zentraler Bestandteil einer unabhängigen
und eigenverantwortlichen Arzt-Patienten-Beziehung.
Die Voraussetzungen für gute Qualität müssen verbessert oder erst
geschaffen werden. Wer eine hochwertige und humane Patientenversorgung will,
muss hochwertige und humane Arbeitsbedingungen schaffen. Die Arbeitsbedingungen
von Krankenhausärzten sind anachronistisch und wären in jedem anderen Beruf
illegal. Die wichtigste Person im Leben eines kranken Menschen bleibt der Arzt.
Die Kooperation muss verbessert werden. Die Summe des Eigennutzes der
Beteiligten addiert sich nicht zum Gesamtnutzen des Systems. Der
"Wettbewerb" darf nicht länger ein Wettbewerb um gesunde Versicherte
zu Lasten der Kranken sein. Nur ein qualitätsorientierter Wettbewerb ist ein
guter Wettbewerb.
Nicht Bürokratie verbessert das Gesundheitswesen, sondern die Menschen, die
dort arbeiten. Mit vier Millionen unmittelbar und zwei Millionen mittelbar
Beschäftigten ist das Gesundheitswesen der weitaus größte Arbeitgeber in
Deutschland. Diese Menschen brauchen eine Perspektive und einen RückInhalt.
Das Gesundheitswesen taugt nicht für ideologisch fundierte Machtkämpfe. Es
muss neu geordnet werden. Wenn die inhaltlichen Vorgaben stimmen und die
politische Führung sachkompetent, fair und überzeugend ist, ist es dazu
bereit.
Dr. med. Günther Jonitz